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Aufnahmesession

Zuletzt aktualisiert am 01. Nov 2010

Meine zwei Mädels waren heute Nachmittag mal wieder ohne mich unterwegs. Was für ein Glück, dass mich, nachdem ich ein bisschen auf der Gitarre geklimpert hatte, die Muse küsste, und ich die Aufnahmen für ein neues Lied startete. Falls es Euch interessiert, wie so eine Aufnahmesession bei mir aussieht, könnt Ihr es hier einfach mal nachlesen.

Zuerst muss ich das kleine Mischpult mit dem Ein- und Ausgang der Aufnahmesoundkarte am Computer verbinden. Dann werden die Gitarren gestimmt, das soll ja später auch zusammen passen. Das Lied, das diesmal auf die Festplatte gebannt werden soll, heißt “Es reg’nt boid”, und ich spiele es nochmal durch.

Ich starte das Aufnahmeprogramm. Ich möchte hier keine Schleichwerbung machen (schließlich bekomme ich ja nix dafür), aber es schließlich auch verschiedene so genannte Multi-Track-Recording Software, mit deren Hilfe man einen Song aufnehmen kann. Und zwar Instrument nach Instrument, Spur nach Spur. Theoretisch kann man also ein ganzes Orchester nacheinander einspielen. Begrenzt wird das ganze lediglich durch die Leistung des Rechners. Na gut, bei mir hapert es auch an der Anzahl der Instrumente für ein Orchester, und leider auch am Beherrschen derselben. Zum Glück mache ich ja keine Klassik sondern ROCK. Das schöne daran ist, es darf / soll sogar ein wenig ungeschliffen klingen. Aber weiter im Text:

Um die Instrumente gut passend zueinander aufnehmen zu können, ist es fast unerlässlich, als aller erstes eine Metronom-Spur, einen so genannten “Klick-Track” zu erstellen. Somit ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, wo man die erste wichtige Entscheidung treffen muss: Welche Geschwindigkeit soll der Song haben? Ich wähle auf dem Keyboard verschiedene Metronom Geschwindigkeiten (man nennt das auch “Beats per Minute” oder wie oft klickt es in der Minute) und spiele das Lied mit der Akustik Gitarre kurz an. Nee, das ist zu lahm, geben wir mal ein bisschen mehr Gas. Ja, so mag ich das schon eher!

Die erste Spur wird für die Aufnahme aktiviert und der Klick-Track erstellt. Das Keyboard ist mit dem Mischpult verbunden, so hört man es nicht, wenn ich während das Metronom aufgenommen wird, das Lied komplett mit der Gitarre spiele, auch um zu wissen, wie lang das Lied sein wird, wann ich den Klick also stoppen kann. Spätestens hier muss also der Aufbau, die Struktur des Liedes feststehen. Schließlich muss ich ja nachher wissen, wann welcher Teil kommt und zwar bei jedem Instrument.

So, jetzt wird also die erste “echte” Spur aufgenommen, eine, die man später auch hören kann. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, hier fast ausschließlich die Akustik Gitarre zu wählen, weil ich dann für die weiteren Aufnahmen bereits einen Anhaltspunkt sowohl für den Rhythmus, als auch für die Melodie habe. Ich lege mir den “Klick” recht laut auf den Kopfhörer, steuere die Gitarre aus und beginne mit dem aufnehmen. Was ist das für eine komische Melodie da im Hintergrund? Ah, das Telefon. “Nein, hier spricht nicht Herr Dr. Fischlmeyr. - Warum? Das könnte eventuell daran liegen, dass Sie sich verwählt haben!”

Die halbe Gitarrenspur wird gelöscht und die Aufnahme von vorne begonnen. Mist, ich habe den Einsatz zum Zwischenstück verpatzt. Die Gitarrenspur wird gelöscht und die Aufnahme wird von vorne begonnen. Ich konzentriere mich diesmal total auf den Beginn des Zwischenteils, nur um kurz danach beim Refrain den falschen Akkord anzuschlagen. Die Gitarrenspur wird gelöscht und die Aufnahme wird von vorne begonnen. Ja, Martin, jetzt hast du es, das ist der absolute Groove, nur noch den Schlussteil und... Die Tür geht auf: “Papa, schau mal, was ich mir gekauft hab!” “Hey, das ist ja toll, Maus!” Manchmal gelingt es mir wirklich ganz überzeugend, meine Mordgelüste hinter freudig Gesprochenem zu verstecken...

So und ähnlich laufen dann auch die Aufnahmen für Bass, Schlagzeug, zweite Akustik Gitarre, elektrische Rhythmusgitarre und Keyboard ab. Früher, als ich noch mit einem Vierspur Recorder aufgenommen habe, musste man noch immer drei Spuren auf die letzte, vierte Spur zusammen mischen, um dann wieder drei Spuren frei zu haben. Im Zeitalter der Computer entfällt das zum Glück, und man kann jetzt auch viel später noch ganz früh aufgenommene Spuren ändern und verbessern.

Zum Schluss kommen dann noch die 1., 2. und 3. Stimme Gesang, sowie etwaige Keyboard-, Gitarren- oder sonstige Solos. Jetzt wären alle Spuren im Kasten. Oder sollte man nicht noch eine tragende Strings Spur im Hintergrund...? - Keyboard nochmal anstöpseln und einen schönen Geigenhintergrund erzeugt. Nein, das ist entschieden zu viel! Geigen werden wieder gelöscht.

Wer jetzt glaubt, der Mammut Teil der Arbeit wäre jetzt erledigt, der irrt leider gewaltig. Wir sind ungefähr bei der Hälfte. Nun heißt es sich jede Spur einzeln vorzunehmen und sie mit diversen Filtern und Effekten so rausch- und störgeräuschfrei wie möglich zu bekommen. Danach versucht man mit weiteren Effekten wie Equalizer, Kompressor, Hall und Echo den bestmöglichen Klang aus den verschiedenen Aufnahmen zu kitzeln. Hier kann es außerordentlich hilfreich sein, sich zwischendurch immer wieder mal Referenzsongs anzuhören: Wie soll die Gitarre, das Schlagzeug, das Keyboard denn eigentlich klingen? Naja, und dann eben solange an den Reglern herum probieren, bis einem das Ergebnis gefällt.

Jetzt folgt noch das so genannte Mixing. Ich bringe die einzelnen Instrumente in das richtige Lautstärkenverhältnis zu einander. Danach stell ich die Spuren an die gewünschte Stelle im Stereobild. Oh ja, das hört sich schön geschwollen an, heißt aber nichts anderes, als das man die Instrumente differenzierter wahrnehmen kann, wenn nicht alles gleich aus den Stereolautsprechern tönt. Die E-Gitarre hört man also mehr links, die Orgel mehr rechts aus den Boxen dröhnen und so weiter.

Zu diesem Zeitpunkt hab ich den neuen Song also bereits gefühlte 223 mal gespielt und gut doppelt so oft gehört. Ihr merkt also, man muss schon extrem überzeugt von seinem eigenen Werk sein... Einmal hör ich mir das ganze noch an, um mich an dem bis jetzt geschafften zu erfreuen. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle doch noch Congas einfügen aber... Pflop!  Hääh??? Das kann jetzt aber nicht sein! Der Bildschirm ist so schwarz wie meine Seele. Mein PC ist wieder einmal abgeschmiert, und ich war wieder einmal zu bescheuert, zwischendurch auch mal abzuspeichern!

 

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